...UND PLÖTZLICH, MIT UNERHÖRTER KRAFT, BEGRIFF ICH, ICH BEFAND MICH IN MIR SELBST.*

Susanne Gaensheimer

"'Erster Schritt wie Gott zu werden': US-Forscher will Menschen klonen", lautet die Überschrift einer Meldung der Süddeutschen Zeitung vom 8. Januar 1998. Noch vor der Jahrtausendwende will der Fruchtbarkeitsforscher Richard Seed den ersten geklonten menschlichen Fötus schaffen. Trotz Bill Clintons vehementer Kritik, gibt es in den USA noch immer kein Gesetz gegen das Klonen von Menschen. Was bis vor wenigen Jahren noch als eine überkommene Idee des 19. Jahrhunderts galt und in Jean-Pierre Jeunets Alien - Die Wiedergeburt als Negativvision eines düsteren 21. Jahrhunderts konstruiert wird, scheint nun Wirklichkeit zu werden. Der Mensch hat es geschafft. Er hat sich die Natur endgültig Untertan gemacht und in einem technologischen Geniestreich die unglaubliche Möglichkeit gefunden, das zu tun, was bislang nur Gott konnte: sich selbst zu kreieren.

Der menschliche Körper im Kontext der postindustriellen Gesellschaft bildet einen zentralen Themenkomplex in der Arbeit von M+M. In der Videoinstallation Tubes von 1992 etwa, reflektiert das Künstlerduo jene Ambivalenz zwischen der Sehnsucht nach Intimität und Ursprünglichkeit einerseits und der Objektivierung und Anonymisierung des Körpers in den engvernetzten Strukturen moderner Gesellschafts- und Gesundheitssysteme andererseits, die die gespaltene Identität des modernen Menschen bestimmt. Rhythmisch aneinandergeschnittene Bilder aus Dokumentationen, Spielfilmen, Pornos und medizinischem Lehrmaterial zeigen den Körper aus unterschiedlichen Perspektiven: der Blick des Subjekts auf einen kläffenden Kampfhund und eine schwingende Frauenhüfte, seine Fortbewegung in modernen Verkehrs- und Transportsystemen, die Reise eines Endoskops in sein Inneres, die mikroskopische Analyse seiner Zellen. In einem unüberbrückbaren Zwiespalt von Unmittelbarkeit und Distanz, transformiert das selbstbestimmte Individuum zum gesellschaftlichen Subjekt und wissenschaftlichen Objekt. Sein Körper ist heute verfügbar geworden. War er noch vor nicht all zu langer Zeit ein undurchschaubares Mysterium, eine Schale, deren Äußeres anthropologisch analysiert und ideologisch definiert wurde, so ist er heute transparent geworden. Technische Wunderwerke wie Endoskopie, Ultraschall oder Computertomographie haben Zugang geschaffen zu seinem Inneren, zu seinem Geheimnis, wie M+M in Operation Ultraschall von 1996 vor Augen führen. In Abgabe-Eingabe von 1994/95 zeigen die Künstler fotografische Dokumentationen von drei Aktionen, in denen sie sich schließlich selbst durch das Vehikel klinischer Routineeingriffe in fremde Körper einschleusen. Durch eine Blut- und Spermaspende sowie den Einbau einer von den Künstlern signierten Hüftprothese infiltrieren sie sich in den Kreislauf eines fremden Körpers und werden selbst zum Rädchen der medizinischen Maschinerie. Eine Maschinerie, die wie die Gentechnologie der Lebensverlängerung und dem Wohl des Menschen dient und ihn dabei von seinem Körper enteignet hat.

* Textzitat aus der Videoinstallation "Tubes"


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