Wolfgang Ullrich

Künstler als Agenten

Künstler als Wissenschaftler, Künstler als Kuratoren, Künstler als Unternehmer oder Manager, Künstler als Sozialarbeiter oder Dienstleister, Künstler als Ethnographen, Kartographen, Anthropologen, Soziologen oder Zukunftsforscher – das sind nur einige Etikettierungen der letzten Jahre, mit denen typische – neue – Formen von Künstlertum gekennzeichnet werden sollen. Was dabei auffällt, ist das 'als', das suggeriert, Künstler würden vollständig in einer anderen Profession aufgehen, ja sich deren Verhaltensweisen und Sujets so weit aneignen, daß sie schließlich gar mit den Akteuren jener anderen Branche verwechselt werden können. Im äußersten Fall würden sie dann als Künstler unidentifizierbar. Doch wäre damit nicht auch ihre Identität infrage gestellt?

Statt eines 'als' erwartet man also eher ein 'wie', das noch eine Grenze zwischen einem Künstler und dem jeweils anderen Metier akzeptiert und lediglich behauptet, beides sei in wenigstens einer Hinsicht vergleichbar, vielleicht in der Methode oder in der Intention. Dann hätte ein Künstler etwas mit einem Wissenschaftler oder einem Unternehmer gemeinsam, ohne daß dadurch seine eigene Identität bedroht wäre.

Dennoch ist das 'als' passender denn das 'wie', kann man es doch auch so interpretieren, daß ein Künstler die andere Tätigkeit lediglich als Rolle auffaßt und sie wie ein Schauspieler (nicht als Schauspieler!) zu übernehmen versucht (Veronika Ferres als Christiane Vulpius, Nana Petzet als Physikerin). Damit stellt sich der Künstler in eine lange Tradition, derzufolge Kunst den Charakter von Mimesis besitzt und darin besteht, anderes nachzuahmen – den Schein davon zu erwecken. Das wiederum heißt: Der Künstler will nicht wirklich ein – oder wie ein – Sozialarbeiter oder Soziologe werden, sondern sein Anspruch liegt darin, jenes Als-Ob so perfekt wie möglich zu inszenieren. Gerade daß er gar nicht ist, was er zu sein vorgibt, macht dann seine Qualität und Magie aus.

Allerdings – und darauf fußte schon Platons Kritik an der Kunst – drohen Künstler manchmal selbst zu übersehen, daß sie nicht sind, was sie imitieren. Daher maßen sie sich vielleicht Kompetenzen an, über die sie nicht verfügen, müssen dann aber auch damit rechnen, nach den Kriterien des Bereichs beurteilt zu werden, dem sie sich annähern (und entsprechend hart kritisiert zu werden). Diese Künstler haben also dasselbe Problem wie einige Doubles, die irgendwann nicht mehr zwischen sich selbst und dem berühmten Vorbild unterscheiden, das sie nachahmen. Auch hier besteht die Professionalität neben der Mimesisleistung gerade darin, immer noch eine klare Grenze ziehen zu können.

So wie Doubles besonders attraktive Persönlichkeiten nachstellen, haben auch Künstler eine Vorliebe für Metiers, die statusträchtig sind und hohes gesellschaftliches Ansehen besitzen (oder zumindest als wichtig gelten). Ohnehin reizt sie das Große und Komplexe, das Ehrwürdige oder Schwierige, das Geheimnisvolle und Undurchschaubare. Weil Künstler 'an sich' zwar fast kultisch verehrt werden, andererseits jedoch kaum über wirkliche Macht verfügen – und somit als Prinzen und Prinzessinnen ohne Reich fungieren –, haben sie vor allem auch eine Affinität zu Bereichen, die von großem Einfluß oder gar übermächtig sind: Gerne hätten sie zumindest kurzzeitig selbst einmal das Gefühl, auf der Seite derer zu sein, die etwas bewirken können.

Daraus ergibt sich ein weiteres 'als', nämlich die Rolle von Künstlern als Agenten. Diese schleusen etwas in ein System ein, ohne es sprengen oder auch nur gravierend verändern zu wollen (was sie auch gar nicht könnten); vielmehr geht es darum, sich die Regeln dieses Systems zunutze zu machen, um mit dem eigenen – verhältnismäßig kleinen – Beitrag eine potentiell große Wirkung auszulösen. Dabei wird auch in Kauf genommen, daß der Beitrag (zumindest innerhalb des Systems selbst) nicht mehr ohne weiteres auf seinen Urheber zurückgeführt werden kann; in der Anonymität des Tuns besteht vielleicht sogar ein erhebliches Stimulans für einen Agenten, kann er sich dann doch als konspirativ empfinden.

Zu den Künstlern, die immer wieder eine Rolle als Agenten gesucht haben, gehört das Duo mit dem bereits anonymisierten Codenamen M+M. Dahinter verbergen sich Marc Weis und Martin De Mattia, die seit mehr als zehn Jahren zusammenarbeiten und sich in diesem Zeitraum auf ganz verschiedene Systeme eingelassen haben. Dabei haben sie viele ihrer Projekte in mehreren Etappen und 'Realitätsgraden' entwickelt. Den Anfang macht immer ein Konzept, das den geplanten Eingriff in ein System vorstellt. Dabei präsentieren M+M ihre Konzepte in den zur Darstellung des jeweiligen Systems gängigen Bildsprachen, womit bereits auf dieser ersten Stufe die gesamte Autorität des anderen Bereichs zur Geltung kommt. Daher ist es sogar nebensächlich, ob die Umsetzung des Konzepts schließlich gelingt oder (aufgrund mangelnder finanzieller oder administrativer Unterstützung) unterbleiben muß. Zwar demonstriert letzteres nochmals die Machtlosigkeit von Künstlern, doch wird dadurch zugleich am sichersten die Grenze zwischen einem künstlerischen So-tun-als-Ob und 'echtem' Agententum gewahrt.

1998 entwickelten M+M etwa das Projekt "Duftwolke", das eine Maschine vorsieht, die auf einem Bergkamm in den Alpen stationiert werden soll, um dort in regelmäßigen Abständen ein Parfüm abzugeben, das als Wolke in das Klimasystem eingeht und sich nach dessen Gesetzmäßigkeiten verbreitet. Wind, Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Luftdruck sind einige der Faktoren, die darüber entscheiden, wo, wie stark und wie lange das Parfum zu riechen sein wird.

Eine technische Zeichnung mit genauer (englischsprachiger) Beschriftung sollte einen Eindruck von der Funktionsweise der – eigens zu konstruierenden – Maschine vermitteln, wobei nur ein Experte dazu in der Lage wäre, die Sachgemäßheit des Entwurfs zu überprüfen. Ein weiteres – computergeneriertes – Schaubild zeigt, mit welchen Koordinaten Meteorologen die Entwicklung und Veränderungen einer Wolke berechnen und abbilden. Auch hier verlangt es einiges an Fachwissen, um zu dechiffrieren, was genau auf dem Bild zu sehen ist.

Allein mit diesen beiden Abbildungen haben M+M jedenfalls schon so große Systemkenntnisse demonstriert (oder simuliert?), daß man ihnen ohne weiteres zutraut, sie könnten Einfluß auf das Klima des Alpenraums nehmen. Ihre Rolle als Agenten haben sie damit gut gespielt – längst bevor sie die Maschine tatsächlich gebaut und das Parfum in die Luft abgegeben haben.

Ähnlich ist es bei einem anderen Projekt, bei dem M+M unter dem Titel "Autobahnschleife" 1996 einen Eingriff in das Verkehrsnetz Italiens vorschlugen: Bei Vittorio Veneto sollte eine zusätzliche Ausfahrt eingerichtet werden, die den Autofahrern die Möglichkeit bietet, so etwas wie eine Ehrenrunde einzulegen, um nach einer 360-Grad-Kurve an derselben Stelle, wo sie die Autobahn verlassen haben, einzufahren. Das mutet absurd an, eröffnet aber immerhin die Chance, die umgebende Landschaft wie bei einem Panorama wahrzunehmen, wodurch das Fahren eine beträchtliche Ästhetisierung erführe.

Um die Ernsthaftigkeit ihres System-Eingriffs unter Beweis zu stellen, zeigten M+M eine Projektstudie, bei der die Autobahnschleife als präzise Architekturzeichnung – mit genauen Maß- und Winkelangaben – entworfen wurde. Wieder ist es die konsequente Adaption einer bildnerischen Fachsprache, die beeindruckt und keinen Zweifel daran läßt, daß das Projekt bis ins Detail geplant ist und jederzeit realisiert werden kann. Ein Foto zeigt sogar die Autobahn nebst der angebauten Schleife, wobei unklar bleibt, ob es sich hierbei lediglich um eine digitale Manipulation oder aber um ein Dokument der mittlerweile Wirklichkeit gewordenen Variante eines Kreisverkehrs handelt.

Mit weiteren Projekten haben M+M etwa auf das Telekommunikationssystem oder das medizinische System eingewirkt. Gerade dank der sorgfältig abgestimmten Darstellung ihrer Konzepte bieten sie auch hier jeweils einen Einblick in systemspezifische Repräsentationstechniken, ja sogar die Gelegenheit zu deren Reflexion. Ihre Arbeit läßt sich daher insgesamt als Beitrag zu einer Bild- oder Medienkritik begreifen: Sie machen dem Betrachter erfahrbar, wie sehr er durch Bildsprachen, die professionell erscheinen, verführbar ist, und wie leicht er an etwas glaubt, wenn es nur so aussieht, als sei es von einem Wissenschaftler, Ingenieur oder Fachkundigen entworfen. Daß sie nicht in ihrem Agententum aufgehen, sondern dieses offenlegen, indem sie es in Ausstellungen und Publikationen dokumentieren, bewahrt M+M zugleich davor, sich nur noch als Agenten zu fühlen und als Künstler zu verleugnen. Vielmehr wird an ihnen eindrucksvoll deutlich, was Kunst qua Mimesis heutzutage bedeuten kann.

Vor allem aber lassen M+M den Betrachter auch an dem erhabenen Gefühl teilhaben, das es bereitet, wenn man sich vorstellt, in eines der großen Systeme einzugreifen, ohne vorhersagen zu können, was dadurch genau passieren würde. Die meisten der Systeme folgen immerhin den Prinzipien der Chaos-Theorie, weshalb bereits eine kleine Veränderung ungeahnte – und große – Effekte haben könnte. Wer kann ausschließen, daß eine Mückenart von der durch M+M erzeugten Parfumwolke angezogen wird, weshalb auch die Schwalben ihr Flugverhalten ändern, wodurch die Bauern der betreffenden Region nicht rechtzeitig auf ein Gewitter aufmerksam werden, was ihre Ernte erheblich schädigt, wodurch die Getreidepreise steigen, was die Lebenshaltungskosten erhöht, weshalb die Regierung abgewählt wird, was dazu führt, daß sich der politische Kurs des ganzen Landes ändert, internationale Komflikte heraufbeschworen werden und...? – Da sage noch einer, Künstler seien zu Machtlosigkeit verdammt!


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