Wie ich einer Verbrecherorganisation auf die Spur kam...

von Noemi Smolik

Seit Platon ist die Kunst diesem Verdacht, daß sie den leeren, luftigen Schein befördert und von der Wahrheit entfernt, nicht mehr losgeworden. Platon war der erste Medienkritiker.

Rüdiger Safranski in "Das Böse"

Im Frühjahr 1999 werde ich in einem telefonischen Anruf aus Rom von M+ M gebeten, über eine ihrer Kunstaktionen zu schreiben, die bereits 1998 in München stattfand. Eine männliche Stimme gibt mir eine kurze Beschreibung am Telefon, der ein Päckchen mit einer Videokassette, der visuellen Dokumentation dieser Aktion, und mit weiteren, diesmal schriftlichen Beschreibungen von M + M unterschrieben folgt. Eine Aktion, in der es um Kommunikation geht, wird mir am Telefon gesagt. Und Telefon spielt auch die zentrale Rolle in der Aktion, mit der ich mich als Kunstkritikerin auseinandersetzen soll.

M+M stellte in München - das geht aus der Beschreibung hervor - am Durchgangsplatz zwischen Kaufinger Tor und Färbergraben, an dem sich ein Postamt, die Zentrale der Süddeutschen Zeitung, ein Parkhaus und ein Kaufhaus befinden, neben bereits vorhandenen Telefonzellen eine weitere Telefonzelle gleicher Bauart auf. Betrat man diese Zelle und hob die Hörmuschel ab, so erklang in der Zelle eine männliche Stimme, der eine Stimme in der Hörmuschel antwortete. Auf dem Display des Telefons war zu lesen: "Gegenspieler im Parkhaus W 18". Ging der zufällige Benutzer der Zelle dem Hinweis auf dem Display nach, so fand er am Parkplatz auf dem Platz W 18 eine BMW Limousine neben anderen Fahrzeugen geparkt. Aus dem Inneren der Limousine war die Stimme des Gegenspielers zu hören: "Wir beobachten sie. Sie sind der Mann in der Telefonzelle vor dem Postamt." Auf dem Rücksitz der Limousine stand ein kleiner Überwachungsmonitor, der den Mann in der Zelle zeigte.

Was wird hier gespielt? Der Benutzer der Telefonzelle ist ratlos genauso wie der zufällig an der im Parkhaus stehenden Limousine Vorbeigehende. Wird hier eine Fernsehenkrimi gedreht oder handelt es sich um eine wirkliche Verfolgung? Was wird da eigentlich geredet und wer redet mit wem? In der Erklärung geben M + M an, einige Sätze des Dialogs zwischen dem Mann in der Zelle, der TV-Kommisar Elmar Wepper sein soll und Rufus Beck, dem Mann in der Limousine, sind dem Roman "Die Versteigerung von No. 49" des amerikanischen Schriftstellers Thomas Pynchon entnommen. In diesem Roman geht es um eine fiktive, alternative Postlinie und ihre subversive Wirkung auf die Gesellschaft. M + M übertragen diese literarische Fiktion in die Münchener Realität - eine subversive Postlinie in München, der der Kommisar Wepper auf der Spur ist, ein echter Krimi etwa oder ein nachgestelltes Verbrechen?

Jean Baudrillards Vorhersage - die vor einige Jahren noch so abenteuerlich klang -, durch den Einsatz von Massenmedien und Massenkommunikationsmittel werde die Realität durch eine in den Medien erzeugte andere Realität ersetzt, ist heute Wirklichkeit geworden. Die neuesten Kommunikationsmittel, zuletzt das Internet, die mit den herkömmlichen Begriffen von Raum, Zeit, Ursache und Wirkung, Objekt und Subjekt, Zweck und Mittel nicht mehr zu fassen sind, haben eine eigene Wirklichkeit geschaffen - Baudrillard nennt diese Wirklichkeit eine simulierte - und die Mehrheit unterscheidet im täglichen Leben längst nicht mehr zwischen einer realen Wirklichkeit und einer durch die Medien simulierten. Doch wie verhält sich diese simulierte Wirklichkeit zu der realen Wirklichkeit. Auf die Spitze getriebe n: Wie verhält sich ein simulierter Banküberfall zu der bestehenden Rechtsordnung? Wird er im Gerichtssaal gleich beurteilt wie ein normaler Banküberfall oder wird er zu einer Herausforderung der realen Rechtsordnung? Er wird zu einem Überfall auf das Realitätsprinzip selbst.

In dieser Situation, in der die simulierte Wirklichkeit das Realitätsprinzip selbst in Frage stellt, könnte der Kunst eine bedeutende Rolle zukommen. Seit Jahrhunderten in "Simulationsvorgängen" geübt - schon Platon lehnte bekanntlich die Kunst wegen ihrer Neigung, den Schein des Realen dem Realen vorzuziehen, ab - sollte es eigentlich den Künstlern leicht fallen, in dem bestehenden Wirrwarr der verschiedenen Ebenen von Wirklhichkeit zu agieren. M + M scheint es, leicht zu fallen. Aber wer versteckt sich hinter dieser Bezeichnung? Ein Künstler, eine Gruppe von Künstlern, ein Mann eine Frau - oder vielleicht gar kein Künstler, sondern einer, der den Künstler simuliert? Vielleicht ist die ganze Aktion, die auf der Videokassette dokumentiert wird, nur eine simulierte Aktion?

Was M + M mit ihren Aktionen auf ästhetischer Ebene vollziehen ist ein Vorgang, der bereits seit längerem auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene in vollem Gang ist. Mit Aktionen, deren Bezug zur realen Wirklichkeit ähnlich den Vorgängen auf dem Monitor nicht mehr nachprüfbar ist, unterlaufen sie die Autorität der Kunst. Denn während man sich in kritischer Haltung gegenüber dem politischen und gesellschaftlichen Geschehen übt, ist man dem Anspruch der Kunst auf Autorität fast blind ergeben. Heute wird alles zur Kunst und jeder zur Künstler erklärt, ohne auf Widerspruch zu stoßen. Die bloße Erklärung, "Das ist Kunst:", "Ich bin ein Künstler, eine Künstlerin", reicht, um ein Gegenstand, eine Aktion für Kunst zu halten und einen, der sich für einen Künstler oder eine Künstlerin ausgibt, als einen Künstler oder eine Künstlerin zu akzeptieren. Doch was passiert, wenn ähnlich dem simulierten Banküberfall eine simulierte Kunstaktion stattfindet? Sie wird zum Überfall auf das Kunstprinzip selbst.

Mit ihren Aktionen untergraben M + M ähnlich den Massenmedien und Massenkommunikationsmitteln, die dadurch, daß sie eine eigene Wirklichkeit entstehen lassen, die herrschende politische und gesellschaftliche Autorität zersetzen, die Autorität der Kunst. Sie unterlaufen diese Autorität, indem sie ein eigenes "Netz" aufbauen, der sich den herkömmlichen Kriterien der Kunst und den Zugriffmöglichkeiten der Kunstinstitutionen entzieht. Dieser Vorgang hat etwas Subversives, daher die Nähe, wie in der in München stattgefundenen Aktion, zum Verbrechen. Schließlich hat jede subversive Handlung mindestens zwei Wirklichkeitsebenen, wovon eine der Ebenen immer die Ebene des Verbrechens ist. "Sie glauben wohl, Sie hätten eine Spur. Wir haben ein ganzes Hinterzimmer voll mit Audiooszillatoren, Gewehrschußmaschinen, Kontaktmikrophonen, alles.", antwortet in der Münchener Telefonzelle die Stimme des Gegenspielers dem Kommisar.

Auch die Münchener Aktion hat mehrere Wirklichkeitsebenen; die des Telefonbenutzers, die des Vorbeigehenden an der parkenden Limousine... meine Ebene, der diese Aktion am Telefon beschrieben und zur weiteren Erläuterung eine Videokassette zugeschickt wurde. Aber woher weiß ich, daß diese Aktion wirklich stattfand. Die Videokassette ist - wie wir heute bereits alle wissen - kein Beweis. Sie kann ein simulierter Dokument sein. Doch was bedeutet es, wenn ich mich mit einer simulierten Kunstaktion in einem kunstkritischen Text auseinandersetze. Ist dann dieser Text eine wirkliche Auseinandersetzung mit einer simulierten Kunst oder auch eine Simulation? Wer simuliert hier eigentlich und was wird hier simuliert? Vielleicht wird hier gar keine Kunst simuliert. Vielleicht ist M + M in Wirklichkeit ein Detektivbüro, auf der Jagd nach einem Verbrechen und ich bin ähnlich der Protagonistin Oedipa Maar des Romans "Die Versteigerung von No. 49" von Thomas Pynchon durch Zufall einer geheimnisvollen, subversiven Organisation auf die Spur gekommen.


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