Bernhart Schwenk

... und immer aufs Neue passiert dasselbe anders...
Beobachtungen zum Johanna-Zyklus von M+M

Auf sechs Projektionswänden ringsum Landschaft, irgendwo und nirgendwo. Ein zufälliger Ort, einen, den man nicht aufsucht, sondern an den es einen verschlägt. Die Worte der beiden Männer verlieren sich in der Weite des Raums. Sechs Kameras umkreisen lauernd das Geschehen. Cut.

Die Einheit des großen Panoramas löst sich in der Unruhe unterschiedlicher Bilder auf: Geräusche, Dialogfetzen, Gesichter, ganz nah. Zwei Männer, eine Frau in jeweils wechselnden Paarkonstellationen. Die Gesprächssituationen suggerieren den Eindruck von Konzentration und Intensität.

Mit der unmittelbaren Präsenz eines Freskenzyklus der Vergangenheit umfängt den Betrachter eine Art monumentale Bildarena der Jetztzeit. Sie macht ihn, Zuschauer, Zuhörer, Zeuge und Voyeur zugleich, zum Zentrum eines komplexen wie rätselhaften Geschehens, lässt ihn eintauchen in eine überwältigende Vielfalt synästhetischer Eindrücke. Doch bald sucht der mit Erfahrung, Wissen und Vorurteilen ausgestattete Geist nach Orientierung.

Welche Geschichte verbindet die drei Menschen auf den Leinwänden? Was sind das für Beziehungen, in welcher zeitlichen Abfolge bewegen sich die einzelnen Ereignisse? Ein logischer Ablauf im gewohnten Sinne von Anfang, Fortgang und Ende lässt sich auf den ersten Blick nicht ablesen. Gibt es hier überhaupt eine gleichmäßig fortschreitende Zeitlichkeit, eine diachrone Entwicklung der Szenen? Oder handelt es sich vielleicht um Zeitsprünge, Rückblenden, Parallelsequenzen, alternative Handlungsstränge?

Die Betrachter müssen sich im Raum bewegen, um auf Einzelheiten eingehen zu können und die unterschiedlichen Gespräche zu erfassen. Dabei bleibt stets die Unsicherheit präsent, ob einem in dem Moment, in dem man sich auf eine bestimmte Situation einlässt, eine andere im Rücken entgeht. Dieses Erfahrungsmoment erzeugt das Gefühl von Nähe und Distanz zugleich. Es fordert die grundsätzliche Entscheidung für die Totale ohne Details oder für die Details ohne Abstand. Die gleichzeitige Bewältigung beider Perspektiven ist nicht möglich. Zahllose Geschichten sind denkbar angesichts der offenbar konfliktbeladenen, bisweilen unheimlichen, seltsam schönen und in jedem Fall berührenden Szenarien. Wenngleich der Schlüssel zum eindeutigen Verständnis fehlt, erhält die Eindringlichkeit des Gesprochenen ein hohes Maß an Spannung, fesselt gerade die Poesie des Fragmentarischen. Wie ein Zapper vor dem Bildschirm bleibt man trotz rascher Bildwechsel und abrupter Unterbrechungen der Handlungsabläufe gebannt.

Der Johanna-Zyklus von M+M besteht aus insgesamt sechs Erzählsträngen an fünf Schauplätzen. Sämtliche Szenen laufen parallel mit exakt gleicher Länge und ähnlicher Struktur. Zudem erfahren die Abläufe eine Synchronisation durch das gleichzeitige Erscheinen identischer Motive (Windrad, Feder), durch analoge Handlungen (Blicke, Annäherung), Körperreaktionen (Schweiß auf der Stirn) und schließlich durch eine einheitliche Kamerabewegung. Ein anderes wesentliches Element für die atmosphärische Einheit bildet der Soundtrack von Thilges 3. Solche filmischen Strategien leiten zurück zu einer Ganzheit der Installation und verleihen ihr eine Suprastruktur, die eine Beliebigkeit verhindert. Die Choreographie der Bilder verwebt sich mit den raffinierten Dialogen von Helmut Krausser, die die Ambivalenz von konkreter Bedeutung und offener Struktur unterstreichen und verstärken.

In dem Maße, in dem die Frage nach einem 'objektiven' inhaltlichen Zusammenhang porös wird, drängt sich die grundsätzliche Frage nach Identität auf: nach der Identität des Wortes, der Identität einer Erzählung, der Identität der Protagonisten. Wer ist diese Johanna, von der immer wieder die Rede ist, gibt es sie wirklich? Ist es die Frau, die in manchen Szenen zu sehen ist? Ist Johanna überhaupt eine Frau? Identität wird zunehmend als eine multiple Größe empfunden, erscheint austauschbar. Die Vorstellung von einem wahrhaften, subkutan existenten Geschehen verflüssigt sich wie die ehedem feste Kontur eines Gegenstands durch digitales Morphing.

Eigenartigerweise jedoch stellt sich beim Betrachter durch diese Erkenntnis keine Verwirrung ein. Die Offenheit gibt Gelegenheit, die Erzählstruktur selbst zu befragen: Hatte man eine bestimmte Szene nicht schon gesehen? War aber die Intonation eines Satzes wirklich dieselbe und nicht doch eine andere? Immer wieder irritieren eingestreute Sekundensequenzen die soeben beruhigte Wahrnehmung und stellen das bereits Bekannte in Zweifel. Dieselbe Situation wird dann unterschiedlich aufgenommen und verarbeitet. Das Gesehene gleicht erinnerten Traumsequenzen, widerspruchslos verschwommen und klar zugleich.

Auch beim scheinbar planlosen Zappen durch die Fernsehkanäle verschafft sich eine andere, unbewusste, aber durchaus anregende Form des Erzählens Raum, die dem Bewusstsein eine schwer greifbare und noch wenig nutzbare Freiheit verleiht, indem sie Informationen unterschiedlichster Herkunft frei verknüpft und mit neuem Sinn füllt.

Differenz und Übereinstimmung geraten beim Johanna-Zyklus in eine fruchtbare Wechselwirkung. Geschichte dringt als eine nicht determinierte und nicht nacherzählbare Größe ins Bewusstsein. Dabei wird die Zeit als eine linear gerichtete, regelhaft strukturierende, elementare Kategorie zugunsten einer eher kreisenden Zeiterfahrung außer Kraft gesetzt. Aktiviert wird eine zyklische Weltsicht mit einer zwar klaren Dramaturgie, doch ohne den erwarteten, erlösenden Höhepunkt.


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