M+M kurz vor fünf

von Renate Puvogel

M+M zeigen auf all ihren Fototableaus Szenarien, die zur selben Zeit stattfinden, und zwar kurz vor fünf Uhr mitteleuropäischer Zeit. Dies ist bekanntlich die Zeit des weich fließenden Übergangs zwischen Tag und Nacht, die Zeit des Zwielichts, die beliebte 'l'heure bleue' der Franzosen, die Stunde des Atemholens nach getaner Arbeit, es ist zudem die Zeit des Ungeklärten, der größtmöglichen Offenheit. Für M+M bildet diese als indifferent wahrgenommene Tageszeit die Basis für ihre fortlaufende Fotoarbeit. Sie bevorzugen das helle Sommerlicht ohne lange Schatten, um das atmosphärisch vibrierende Vakuum mit Inhalten in unterschiedliche Richtung hin zu füllen. Allerdings bietet die nachmittägliche Stunde lediglich den bewusst labil belassenen, europäischen Ausgangspunkt für Szenen, die zwar gleichzeitig, aber an unterschiedlichen Orten stattfinden können. Und das bedeutet beispielsweise auch, dass die Menschen in den USA gerade frühmorgens mit ihrem Tagesgeschäft beginnen, während über China längst die Nacht hereingebrochen ist. Ihre Strategie ermöglicht es den beiden Künstlern, mit ihrer Fotoarbeit gewissermaßen die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen einzufangen. Sie erlangen damit im Bewusstsein des Betrachters ein Stadium, mit welchem er sein persönliches Leben in Relation zu dem globalen Geschehen stellt. Gerade angesichts zunehmender Vernetzung der Welt wird diese Parallelität in bereichernder wie auch beängstigender Weise erlebt.

Mittlerweile ist die Reihe kurz vor fünf auf über zehn große Fototableaus angewachsen. Jedes Foto besteht aus genau 4290 winzigen, fortlaufenden Filmstills. Sie rekrutieren sich aus je einem etwa dreiminütigen Film, der jeweils eine Person in ihrem spezifischen Umfeld einfängt. M+M erdenken sich die kleinen Episoden selbst, lassen sie von Schauspielern im kleinen Team aufführen und bearbeiten dann das Filmmaterial ohne das Zwischenstadium des Negativs im Computer. Es wird dort geschnitten, zum Ge-samtbild montiert und auf Fotopapier gebracht. Jedes Foto erzählt an einem einzigen Ort eine solche Handlung, die gerade dort geschehen sein könnte und die das Spezifische des Ortes möglichst anschaulich hervorkehrt. Da beispielsweise Princetons Eliteuniversität die Wirkungsstätte führender Gelehrter war und ist, spielt sich eine dramatisch endende Handlung sinnvollerweise in deren Bibliothek ab. Dem gegenüber bildet in New York das bunt gemischte, anonyme Menschengewühl von Manhattan Hintergrund für eine überraschend innige Begegnung. Dass die dänische Ostseeinsel Bornholm nicht nur ein Naturparadies ist, sondern auch den Fisch für die McDonald's-Kette liefert, erfährt man beiläufig dadurch, dass eine anfängliche Spurensuche im Freien mit dem Verzehr eines Fischburgers endet. Aber erschließt sich dem Betrachter ein Geschehen wirklich?

Dessen erster Blick auf eine großformatige Fotografie macht eine farbig dichte, von vibrierenden Waagerechten geprägte abstrakte Struktur aus. Diese ähnelt in ihrer zufälligen Strenge einem mit buntem Garn gewirkten Tuch; es könnte sich aber auch um die Oberfläche eines Pixelfeldes handeln. Bei schrittweisem Annähern bündelt sich das undurchdringliche, aber wenigstens von einer Farbe dominierte Geflecht vorübergehend zu einer Matrix, d.h. zu einem System zusammenge-hörender Einzelelemente, etwa vergleichbar einer farbig beschriebenen Buchseite. Hier wird spürbar, dass die Momente von Bewegung und Statik rhythmisch ausbalanciert sind. Erst bei extremer Nahsicht geben die einzelnen Farbfelder ihre gegenständliche Herkunft preis. Nun lassen sich zwar die einzelnen Bildsequenzen minutiös verfolgen, aber das kleine Einzelbild führt nur ein geringes Eigenleben, was bedeutet, dass es seinen Stellenwert erst und nur aus seiner Einbindung in die Reihe gewinnt. Die Neugier, eine Handlung gänzlich zu entschlüsseln, gerät erstaunlicherweise in den Hintergrund. Viel mehr beschäftigt den Betrachter der verblüffende Wechsel zwischen abstrakter Matrix und Abbild des Wirklichen, zumal ihn keiner der Standorte endgültig zufriedenstellt, sondern er immer aufs Neue versucht ist, Nähe und Ferne gegeneinander auszutauschen.

M+M sprechen hier ein generelles Phänomen menschlicher Wahrnehmung an, das an der äußeren Wirklichkeit geschult ist und das uns der Film in seinem Bemühen, diese abzubilden, vormacht. Die Künstler entlarven somit Herstellungsvorgänge des Films, indem sie das Material auf der Fläche zu einer gemalten Bildkomposition ausbreiten. Allerdings vollzieht sich die Wahrnehmung vor einem Gemälde vielfach gerade umgekehrt: ein bei einiger Distanz erkennbares Bildsujet löst sich aus der Nähe betrachtet in reine Farbpartikel auf.

Und in der Tat sehen die Künstler nur wenig Berührungspunkte mit der Malerei, um so stärker fühlen sie sich zum Film hingezogen und von ihm inspiriert. Allein die Tatsache, dass sie ihren Fotos kleine originelle Geschehnisse zu Grunde legen, macht sie zu Erzählern von Geschichten; diese leben rein aus dem Bild und kommen erstaunlicherweise - dem Stummfilm verwandt - ganz ohne Sprache aus. Um das Fehlen verbaler Mitteilung auszugleichen erhalten Mimik und Gestik in den Filmsequenzen verstärktes Gewicht, außerdem wird der Schilderung des Ortes besondere Auf-merksamkeit geschenkt. Dies um so mehr, als es winzige, kaum wahrnehmbare Bezüge zwischen den einzelnen Tableaus gibt. So enden beispielsweise die vielen kleinen Einzelbilder eines Fototableaus zuletzt mit dem Ereignis, dass sich ein Schuss aus der Waffe eines gänzlich unverdächtigen Autofahrers löst. Dieses Geschoss trifft im anderen Großfoto einen Fernsehzapper, der nach ausgiebigem Genuss von Pornofilmen wohl durch Geräusche angelockt neugierig ans Fenster trat. Geschickt wechseln die Schauplätze zwischen Innen- und Außenraum, privater und öffentlicher Zone. Geplante, aber wie zufällig herbeigeführte Wechselwirkungen, formale und inhaltliche Links zwischen den Fotos, wie etwa Farben, Personen oder Requisiten, die unvermittelt an mehreren Orten auftauchen, gestalten die einzelnen Fotos mehr und mehr zu einem kompliziert-komplexen Ge-flecht. Verschiedene Ausdrucksträger von Bewegung und Kommunikation wie Telefon, Handy oder auch nur die Geste eines Rufenden, Fahrräder oder Vögel tragen Botschaften von einem Tableau zum anderen und können gemäß ihren Funktionen sogar Brücken schlagen. Diese haarfeinen, häufig nur angetippten Vernetzungen vermögen es, die im Einzelbild vorhandene Einheit von Personen, Ort und Zeit zu sprengen, ja, sie liefern dem Betrachter das erste ersichtliche Indiz für die grundlegende Intention von M+M, Bildmetaphern für das Vielfältige und Disparate gleichzeitigen Weltgeschehens zu finden.

In ihren minimalen Stories deckt das Künstlerduo ein breites Spektrum von stillen, poetisch anmutenden Alltagsritualen über komische Situationen bis hin zu kriminellen Vorfällen ab. Dabei fangen die winzigen Szenen gegensätzlichste Lebenssituationen ein, künden von Glück und Leid, von Armut und Reichtum, sie konfrontieren politisch und sozial unterschiedliche Systeme und nähern die unterschiedlichen Metropolen einer Global City an. Gleichzeitig stellen M+M die grundsätzliche Frage, wie man denn die Fülle von Informationen annähernd in den Griff bekommen könne - vergleichbar mit Filme-machern wie Robert Altman oder Mike Figgis, die ebenfalls mit Parallelhandlungen experimentieren und heterogene Sphären miteinander vernetzen.

Wenn man die Arbeit kurz vor fünf des Künstlerduos in den Kontext ihres eigenen Werkes stellt, so lassen sich schwerpunktmäßig einige Merkmale anführen, die immer wieder auftauchen und somit grundlegende Charakteristika bilden. Hier ist sicherlich an erster Stelle ein erzählerisches Moment zu nennen, das in beinahe allen Arbeiten eine zentrale Rolle spielt und welches die Idee zu einigen Stücken sogar ausgelöst hat. In lyrisch erfasste Szenen mischt sich immer ein kriminalistischer Spürsinn der beiden Künstler mit ein. Sie vermögen, in Farben und Formen äußerst reduzierte Szenen mit solchen zu koppeln, bei welchen die Aktion eine wesentliche Rolle erfüllt. Auch das Verfahren, Szenen, die in der Öffentlichkeit spielen, mit privaten Szenen zu koppeln, findet sich werkübergreifend. Aber vor allem ist den meisten Arbeiten ein Kriterium gemeinsam, das man mit der Vorliebe zu serieller Verarbeitung charakterisieren könnte. Folge und Serie sind Darstellungsformen, die das Einzelbild übergreifen und einen chronologischen Ablauf garantieren beziehungsweise eine gleichwertige Nebeneinanderstellung ergeben. Um einer mehrteiligen Arbeit den Wert eines Zyklus' zuzubilligen, bedarf es kompositorisch und inhaltlich vereinheitlichender Werte. Und diese ist in diesem Werk gegeben. kurz vor fünf könnte auf Grund seiner formalen Struktur sowie inhaltlichen Abstimmung mit wachsendem Umfang ein Musterbeispiel für eine zyklisch konzipierte Komposition abgeben. Der Definition nach ist der Zyklus eine "Darstellungswei-se, in der einzelne, in sich abgeschlossene und autonome Werkeinheiten unter übergreifenden Vorstellungen zusammengefasst sind zu einer um-fassenderen künstlerischen Einheit, die neben vertiefter künstlerischer Widerspiegelung auch funktionalen Gründen folgt." (Lexikon der Kunst) Innerhalb des Gewebes eines Zyklus' laufen mannigfaltige Verknüpfungen hin und her, wodurch er gleichsam Ausdruck einer Art mikrokosmosartiger Totalität wird. Hier berührt das künstlerische Gestalten auch das filmische Sehen. Den größten Gewinn zieht ein zyklisch aufgebautes Kunst-werk allerdings aus der Maxime, dass das Ganze mehr ergibt als die Summe seiner Teile.


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