Stefan Iglhaut

M+M: Sampling und Simulation Von der Kunst der Einmischung

Jean Baudrillard beschreibt das Wesen der Simulation zunehmend unter einer melancholischen Perspektive des Verlusts. Wo die Wirklichkeit in den Zeichensystemen verlorengeht, gehen auch moralische Werte und Kategorien verloren: "Der Raum zwischen wahr und falsch ist kein Raum der gegenseitigen Beziehung mehr, sondern ein Raum der zufälligen Verteilung. (...) Die Ungewißheit reißt uns in einen verrückten Kreislauf mit, in einen Wettlauf von Verifikation und Falsifikation, von Viren und Schutzmaßnahmen - in der Kunst, in der Welt der Finanzen, in der Informatik, im Bereich der Ideen, aber auch in der Sexualität, wo wir heute alle dem serologischen Test unterworfen werden - einer Erweiterung einer allgemeinen Manie des Testens." Deterministisch und pauschal hält Baudrillard fest: "Unser Fluch besteht in der Unmöglichkeit, noch zwischen gut und böse, zwischen wahr und falsch unterscheiden zu können. (...) Unsere Machtlosigkeit gegenüber der fraktalen und fatalen Zerstreuung der Werte ist viel schlimmer, viel verhängnisvoller als die alte Verantwortlichkeit, die mit dem Gewissen und dem Bewußtsein einherging."

Das Künstlerduo M+M (Marc Weis, geb. 1965; Martin De Mattia, geb. 1963) ist seit 1989 mit Ausstellungen und Projekten an die Öffentlichkeit getreten. Die Arbeiten von M+M befinden sich in dem von Baudrillard angesprochenen Handlungsfeld. Sie verarbeiten die durch technische Medien erzeugten Wirklichkeiten wiederum durch den Einsatz technischer Medien. Sie nutzen den kulturellen Hintergrund von Wirklichkeitssimulation, um künstlerische Simulationen zu plazieren. Von den Methoden, in bestehende (Zeichen-)Systeme einzugreifen, soll hier etwas näher die Rede sein.

Mit der Bildung eines Kunstnamens aus den Vornameninitialen wird der künstlerische Duktus unterstrichen, den kreativen Prozeß nicht zu personalisieren: Es geht auch in den Arbeiten von M+M mehr um kollektive Zeichenprozesse und nicht um die Frage nach dem Individuum, auch nicht nach dem Künstlerindividuum, das hinter den Initialen M+M anonym bleibt. Es hat zudem den Anschein, als würden die sehr variablen medialen Strategien, mit denen M+M auf eine durch technische Bilder geprägte Massenkultur reagieren, gezielt eine Handschrift, einen sogenannten unverwechselbaren Stil unterlaufen, der Kunst im Markt stabilisiert. Nicht die Ausdrucksmittel und der ästhetische Gestus, sondern die Themen und Problemstellungen machen die Arbeit von M+M über die Jahre erkennbar.

Verschiedenste Arrangements wie Videotape, Videoinstallation und skulpturale Auftritte im nichtmusealen Raum, Fotografie und Videostill, Hörspiel und Techno-Tracks oder Aktionen wie Blut- und Samenspenden machen das Feld der künstlerischen Vorgehensweisen weit auf. In bezug auf die getroffenen Aussagen erschließen sich aber inhaltlich-strategische Zusammenhänge, die, vereinfacht, in drei Phasen oder besser Strukturebenen beschrieben werden können, welche zwar eine zeitliche Abfolge umreißen, die aber mit unterschiedlicher Gewichtung in vielen M+M-Projekten vorhanden sind: 1. Adaption/Konfrontation; 2. Zitation/Fragmentation; 3. Sampling/Simulation.

Adaption/Konfrontation:

In den frühen Videoarbeiten werden Bildwelten aus der Kunstgeschichte in das neue Medium Video übersetzt und dadurch gebrochen. Unter einem anderen Gesichtspunkt könnte man sagen, es handelt sich um eine Aneignung des Mediums Video mittels eines strengen kunsthistorischen Bezugssystems. Die aus sieben statuarisch gereihten Monitoren bestehende Videoinstallation "Giotto" (1989) mit sehr reduzierten gespielten Szenen, die sich an "kompositionellen Vorbildern der beginnenden Neuzeit orientieren" (Künstlerstatement), bringt historische Formen- und Gestensprache mit der Aufnahme- und Präsentationstechnik des Video zusammen. Die Künstler selbst sind Darsteller der stummen Szenen, und die Bildvorlagen aus der frühen Neuzeit tauchen nicht direkt, sondern nachgestellt auf. In einem anderen Beispiel, der Videoinstallation "Lukas" von 1990, entsteht die Konfrontation durch die zweifache Adaption einer Bildvorlage: Rogier van der Weydens "Lukasmadonna" erscheint in einer mit grobem Pinselstrich gearbeiteten Schwarzweißversion in Öl, aufgeteilt in 16 quadratische Tafeln, die auf dem Boden liegend das Bildfeld ergeben. Eine der Tafeln ist durch einen Schwarzweißmonitor ersetzt, der das Gesicht des malenden Lukas durch Projektionen der Gesichter der Künstler, der vollständigen Lukasmadonna oder durch Bildschirmrauschen austauscht. Die Videotechnik erweitert den Bildraum um mehrere Ebenen. Sowohl "Giotto" als auch "Lukas" kreisen im Kern um das Thema der künstlerischen Produktion. Die Bilder verweisen auf Vorlagen, das Bildmaterial selbst ist aber nicht zitiert, sondern übertragen.

Zitation/Fragmentation:

In den darauf folgenden Videoarbeiten von M+M tritt das Zitat in den Vordergrund. Sezierte Trivialkultur, isolierte und verfremdete Bildsequenzen aus der Kino- und Fernsehgeschichte treten in einer eigenständigen Bildsprache gegen den Strom der Massenmedien an und machen ihn gleichzeitig durch den Kontrast und die Inszenierung bewußt. Selten geht es um narrative Strukturen, um lineare Erzählungen. Fragmentarische, aus dem Zusammenhang gerissene, durch Zeitlupe, Wiederholungsschleifen, Ausschnittvergrößerungen und Farbbearbeitung manipulierte Bildfolgen fokussieren Elemente der Populärkultur. Immer wieder geht es um Sexualität, Gewalt, Pornographie, um den Absturz ins Bodenlose, wie etwa in der Videoskulptur "Monet" von 1992. Der altarhafte Aufbau der verwendeten Videomonitore auf drei Meter hohen Sockeln unterstreicht ironisch den Fetischcharakter von Bildern, die Intimität vortäuschen, aber vielmehr Instrument der Verführung einer voyeuristischen Massenkultur sind. Der Betrachter ist durch die Konzentration auf einen Aspekt, auf die "gleichmäßige rhythmische Bewegung zweier menschlicher Körper" (Künstlerstatement) insofern kompromittiert, als die starke Verfremdung der angebotenen Bilder erst eine Vervollständigung in der eigenen Imagination erfordert. Ähnlich wie in der Arbeit "Monet", deren Farbnuancen durch "Die Kathedrale von Rouen" von Claude Monet inspiriert sind und die als vorläufig letzte explizit auf eine kunstgeschichtliche Referenz zielende Arbeit von M+M zu sehen ist, sind die Videobilder in der Installation "Tubes" (1992) in eine sehr spezifische räumliche Inszenierung gebracht. Man bückt sich, um in eine mit hautähnlichem Tuch verhangene Röhre zu blicken, an deren Ende man nicht die gegenüber stehende, ebenfalls in die Röhre guckende Person erblickt, sondern einen in die Röhre eingebauten Monitor, der Bilder von sich entfernender Tiefe und entgegenkommender Bewegung, von Intimität und Zerstörung zeigt. Die Bilder stammen wiederum aus Spielfilmen, bedienen wiederum das Spektrum der Fernsehkultur. Fragmentiert und in neuem Kontext angeordnet etablieren sie aber einen von der Fernsehkultur radikal unterschiedenen Erfahrungs- und Reflexionsraum. Durch das Zitat aus dem Diskurs der Simulation wird die Simulation durchbrochen und kommentiert. Die Arbeiten dieser Phase sind ein Metadiskurs zur Simulationskultur, sie attackieren die Selbstverständlichkeit der Weltkonstruktion durch die Medienerzählungen.

Sampling/Simulation:

Es erscheint nur konsequent, daß M+M im nächsten Schritt in die Weltkonstruktion durch Zeichenprozesse selbst eingreifen wollen. Und es erscheint auch konsequent, daß dies nicht auf das geschlossene System Fernsehen gerichtet ist, sondern auf verschiedene vorgefundene Systeme unserer Alltagswelt. Die Bewegungsrichtung der Arbeit von M+M wäre also eine, die sich von der künstlerischen Vergewisserung moderner Bildtechniken über den analytischen, aus Zitaten gezimmerten Kommentar der Populärkultur bis zur Einmischung in kulturelle Subsysteme verfolgen läßt. "Einmischung" bezeichnet dabei durchaus auch im Sinne der Tätigkeit eines Disk Jockey das Dazumischen von ähnlichen oder passend getakteten Sequenzen anderer Quellen. Die Sehnsucht der Avantgarde, Kunst und Leben zu vereinen, scheint hier wieder auf, und die Frage nach der Funktion von Kunst wird nochmals neu gestellt: Beschreibt sie "nur" und macht es sich im elitären Ghetto der Kunstinstitutionen bequem, oder greift Kunst ins Leben ein und bewirkt etwas, wird Teil der Lebenswirklichkeit. M+M sind mit ihren Sampling-Projekten sicher am radikalsten Punkt ihrer Arbeit angelangt. Sampling soll hier nicht als Montagetechnik etwa von Videos wie in Phase 2 verstanden werden, sondern viel weitgehender als die Einspeisung von Kunst in den Alltag - mit der einkalkulierten Auflösung von Kunst im Alltag und gemäß dem Diktum der Konzept- und Antikunst, der Ausstieg aus der Kunst sei die höchste Form der Kunst. Die Infiltrationen von M+M z.B. in das Telefonnetz, in das Körperinnere, in das Autobahnnetz, in ein Klimaröhrensystem, in die meteorologische Realität, in den Soundscape einer Diskothek sind ihrerseits ein besonderer Typus von Simulation:

Die 1994 entstandene Arbeit "Abgabe -Eingabe" besteht aus drei Paaren von Fotografien, die Aktionen in der Sphäre der klinischen Medizin dokumentieren oder zumindest zu dokumentieren behaupten: den Einbau einer Hüftprothese mit M+M-Gravur, eine Blutspende, eine Spermaspende. Die getroffenen Behauptungen der Fotoserie drehen sich um ein Verfahren, biologische Bestandteile des eigenen Körpers als anonyme Implantate in menschliche Organismen einzuschleusen oder ein mit Künstlersignatur versehenes Stück Metall als Prothese einzubauen. Die künstlerische Idee, sich in einen menschlichen Blutkreislauf einzuschreiben oder in der Fortpflanzungsmedizin prokreativ wirksam zu sein, ist eine moderne und durch die biologische Wendung zugleich wieder altmodische Version der Sehnsucht nach künstlerischem Wirken und Überdauern. Anonym, nicht rekonstruierbar, als nicht verifizierbare Behauptung künstlerischer Fortwirkung und Präsenz: Aus dem von Baudrillard konstatierten "Fluch, nicht mehr zwischen wahr und falsch unterscheiden zu können", schlagen M+M künstlerisches Kapital. Der Wunsch nach anonymer Vermischung mit einer vorgefundenen biologischen Welt steht ganz im Vordergrund. Man könnte diesen Wunsch auch übersetzen als Versuch, das durch Marktgesetze und ästhetische Konventionen festgelegte Feld der Kunst zu verlassen und mit künstlerischen Ideen im Bereich der Nicht-Kunst, der Biologie aufzugehen. Die zahlreichen Bestrebungen der Moderne, den Raum der Kunst zu erweitern und der institutionell "gültigen" Kunst neue Modelle entgegenzustellen, führen in diesem Sinne sehr konsequent in den Bereich der Natur: Blut und Samenflüssigkeit lassen sich nicht künstlerisch gestalten, sie sind keine Artefakte, ihr Wirkungsraum ist der menschliche Organismus. Die Frage von "Abgabe-Eingabe" ist also gar nicht so sehr, ob eine von M+M vorbereitete Hüftprothese wirklich eingebaut wurde, ob eine Blut- oder Samenspende medizinisch wirklich zum Einsatz kam. Die Frage ist vielmehr, inwiefern das Bildverständnis der dokumentarischen Fotografie in unserer Kultur die Behauptungen von M+M zuläßt und unterstützt. Durch die Wahl dieses Mediums, das von den klinischen Aktionen nur noch einen dokumentarischen Schein zurückläßt, können sich M+M ganz auf die eigentliche Aussage dieser Aktionen konzentrieren, das Sampling von M+M-Erb- und Gedankengut mit dem Kreislauf des Lebens. Und die Anstößigkeit, die in dem Ansatz steckt, die Weitergabe biologischen Erbguts als künstlerischen Eingriff in ein bestehendes System zu proklamieren, wird durch den simulativen Charakter der Arbeit wieder aufgefangen. "Abgabe-Eingabe" nimmt unter den Sampling/Simulation-Arbeiten von M+M eine Sonderstellung ein, da zwei der drei Aktionen eine rein biologische "Abgabe" betreffen, deren Zielort wiederum rein biologisch ist. Man könnte dieses Übertragungsmodell durchaus noch in Richtung Organspende etc. weiterdenken, aber unter dem Aspekt des Dazumischens von Material in bestehende Kreisläufe und Systeme ergäbe sich jedes Mal nur wieder die Umdeutung des Systems des menschlichen Organismus als Ort der Kunst.

M+M haben sich anderen mehr oder weniger geschlossenen Systemen zugewandt, die sie mit ihren Eingriffen umdeuteten. Die Idee ist nicht so sehr, unsichtbar oder unbemerkt zu bleiben, im Gegenteil, einige der Entwürfe und Aktionen verändern stark das vorgefundene Ambiente, die fokussierte soziale Situation. Die Idee der Integration hat ästhetische und kunstpolitische Dimensionen. Wie schon gesagt wurde, schaffen M+M mit ihren Arbeiten der Kunst, ihrer Kunst neue Räume und Wirkungsfelder und beeinflussen dieses Wirkungsfeld gleichzeitig. Die Beschäftigung mit der Ikonografie der Massenkultur (z.B. Batman, Fernsehen, Pornografie), mit aktuellen Musiktechniken in Clubs (z.B. Techno-Sampling) oder mit Mythen des Alltags wie Telefon, Tiefgarage oder Autobahn lenkt das Augenmerk weg von den immer noch dominanten Orten der Kunst in Galerien und Museen. Einmal im Museum angelangt, lassen es sich M+M aber nicht nehmen, aus ihren Arbeiten und den schon musealisierten oder kanonisierten Werken eine neue Mixtur zu schaffen.

In der Installation "Galerien" (1994) in der Tiefgarage des Münchner Gasteig wurden Lüftungsröhren so täuschend den weiteren Anlagen des Zweckbaus nachempfunden, daß der Parkplatzsucher die im Inneren der Röhren angebrachten Monitore nicht nur leicht übersah, sondern diejenigen, die verblüfft und mit dem Kopf im Nacken unter den Röhren standen, als soziale Merkwürdigkeit wahrnahm, als Störung im Parkhausbetrieb. Auf einmal gab es im Parkhaus Quellen von unvermuteten Bildern, von Bedeutungen, die den nüchternen Raum erweiterten. Die Simulation über eine Fotodokumentation war hier nicht vonnöten, der Einbau ist wirklich erfolgt. Anders bei "Autobahnschleife" (1996). Wiederum entsteht der Eindruck eines Eingriffs in eine bestehende Wirklichkeit durch ein pseudodokumentarisches Foto, das noch digital nachbearbeitet ist. Abgebildet ist eine auf hohen Stützen stehende Autobahnbrücke, bei Vittorio Veneto in Italien mit der Besonderheit, daß sich eine fast kreisrunde Schleife seitlich der Autobahn öffnet und wieder in die Spur zurückführt, in derselben architektonischen Struktur, als 360-Grad Drehung für Autofahrer mit Sinn fürs Spielerische. Die Ernsthaftigkeit des Unterfangens wird untermauert durch eine Ingenieurszeichnung als zweiter Teil der Arbeit. Im Bildtext ist vom "geplanten Ort des Projektes" die Rede, d.h. es wird ein Widerspruch evoziert zwischen der fotodokumentarischen Beschreibung der Autobahnschleife, so, als existierte sie schon, und der erst anstehenden Projektierung einer Baumaßnahme. Die Sphäre der Simulation würde kraß durchbrochen, könnte man in Italien tatsächlich auf einer solchen 360-Grad-Schleife ein Ehrenrunde drehen.

Eine der jüngsten Arbeiten von M+M, mit Batman als Protagonisten besteht zum einen aus seriellen Videosequenzen, die den Batman-Komplex spielerisch destruieren. Zum anderen haben M+M unter dem Titel "A Batman`s Trip" (1997) eine Vinylplatte für und mit einem Münchner Technoclub veröffentlicht, deren Unterzeile sagt "material to be used with techno (140 bpm)". Neben dieser "Urversion" sind bereits gesampelte DJ-Versionen im Umlauf, die das Material aufnehmen, einmischen, als eine von mehreren Rhythmus- und Klangebenen integrieren. Die mit kulturgeschichtlichen Zitaten komplex angereicherte hörspielartige Geschichte in sechs Episoden à zwei Minuten scheint in der Mix-Version immer noch erkennbar auf, als eine Anreicherung von Technomusik mit unerwarteter Semantik. Eine solche Verschmelzung ist vielleicht der Idealfall der Systemintegratoren M+M, das Sampling in der elektronischen Musik gibt das reinste Modell für ihr derzeitiges künstlerisches Verfahren her.

Veränderung und Verfälschung mit einem künstlerischen Code - damit greifen M+M in Zeichenprozesse ein, um deren Eindeutigkeit und Geschlossenheit aufzubrechen und umgekehrt Kunst in neue Kontexte zu implantieren. Baudrillard sagt: " Vielleicht muß man sich als Virus, als Terrorist, als molekulares Partikel zurückziehen und ein winziges Nichts schaffen, um so einige geheimnisvolle Prozesse auszulösen, weil die Szene der Umwelt mit Informationen gesättigt ist. Man muß einige Löcher der Desinformation oder Gegeninformation erzeugen..."


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