Anke Hoffmann

Eine Zeitreise im Fiat

Essen in den 60er Jahren: größte Bergbaustadt Europas, mächtigbedeutend durch ihre rohstoffverarbeitende Industrie, ein wirtschaftlicher Standort mit kontinentaler Bedeutung. Arbeit und Arbeiter sind kollektiv organisiert, in Schichten und Gewerkschaften. Der volkswirtschaftliche Fortschritt folgt dem Prinzip unerschöpflicher Ressourcen. Doch es zeichnet sich auch bereits der allmähliche Strukturwandel ab, der im Laufe der Dekade die Industrielandschaft im Ruhrgebiet, vormals Motor der Stahl- und Bergbauindustrie, und damit auch die Stadt Essen nachhaltig verändern wird. Es gibt viele Streiks, sogar Massenstreiks, für die 40-Stunden-Woche, tarifliches Urlaubsgeld, den Erhalt der Arbeitsplätze, soziale Absicherung. Heute, gut 40 Jahre später, sehen wir uns erneut grundlegenden strukturellen Veränderungen gegenüber: Globalisierung, Flexibilisierung und Privatisierung der Arbeit, Fachkräftemangel und ein demographisch induziertes Ende der Generationensolidarität. Essen, Aldi-Nord Zentrale in der Eckenbergstrasse, Nachmittag des 16. Juli 2010. Vor dem Haupteingang stoppt ein altmodisches kleines italienisches Auto mit zwei auf dem Dach montierten Megaphonen. Ein Mann steigt aus und spricht, an die hermetisch geschlossen wirkende Gebäudefassade gerichtet, einen Streikaufruf aus: „Streik! Es ist simpel und für jedermann durchschaubar. Ein echter Streik muss her…“, zunächst auf Deutsch, dann auf Italienisch. Die Ansprache ist an ein konkretes Gegenüber gerichtet, bleibt aber allgemein in ihrer Absicht. Dann ist das Auto wieder weg. Der Kleinwagen, ein Fiat 600 aus dem Jahr 1964, taucht in den folgenden zehn Wochen wiederholt an bestimmten Orten in der Essener Innenstadt auf. Es sind die Adressen von Konzernzentralen, wie des Chemie-, Energie- und Immobilienkonzerns Evonik, der Stahlfirma ThyssenKrupp, des Energieriesen RWE, der Mediengruppe

WAZ und des Bauunternehmens Hochtief. Aber auch die Zentrale von Starbucks, der Karstadt-Hauptsitz, das DB-Reisezentrum, die Deutsche-Bank-Filiale und die Aral-Tankstelle sind Anlaufstellen. Der gleiche Streikaufruf wird an allen Orten regelmäßig vorgetragen. Die Künstler Marc Weis und Martin De Mattia, die seit 15 Jahren unter dem Namen M+M kollaborative Arbeiten entwickeln, verwenden für ihre „reaktiven Projekte“ oft mehrdeutige Referenzen aus literarischen oder filmischen Narrationen. Die performative Aktion Call Sciopero, die das Künstlerduo M+M für die Ausstellung Hacking the City realisierte, bezieht sich auf die Eingangsszene aus Michelangelo Antonionis Film Die rote Wüste aus dem Jahr 1964. Der Film des italienischen Neorealisten Antonioni erzählt von der Entfremdung des Selbst inmitten eines entsubjektivierten industriellen Tätigseins. Er beginnt mit der zeithistorischen Verortung in die Wirtschaft der 60er Jahre und leitet mit dem Bild der industriellen Landschaften der italienischen Stadt Ravenna das Stimmungsbild des Films ein. Vor einer grauen Mauer, die das Industriegebiet umfasst, fährt ein grauer Fiat vor, mit Megaphonen bestückt. Die zwei Männer, die im Auto sitzen, steigen aus und richten ihren Streikaufruf an eine unsichtbare Menge hinter der Mauer. „Call Sciopero“ liest man an ihrem Wagenfenster. Das Zitat aus dem Film wird zum Titel des Remakes der Filmszene, für die M+M außerdem einen Oldtimer erwarben, jenen Fiat 600 – seinerzeit ein erschwingliches Modell, das viele Arbeiter in den 60er Jahren fuhren und das tatsächlich oft zu Streikeinsätzen benutzt wurde. Mit weiteren der Filmvorlage nachempfundenen Requisiten fahren die Künstler einen Teil der Aufruf-Aktionen in Essen selbst; weitere Schichten übernimmt das Ausstellungsteam.

Der Streikaufruf verschweigt Antworten auf Fragen wie: „Worum geht es?“, „Wer ruft auf?“ oder „Wann und wo soll gestreikt werden?“. Es ist ein Aufruf an die Beschäftigten der Unternehmen, sich ihrer Position im Hierarchiegefüge und ihrer eigenen Bedürfnisse und Rechte bewusst zu werden. Der Aufruf gemahnt an die wirksamste Macht der MitarbeiterInnen, ihre Möglichkeit zur Verweigerung ihrer Arbeit, und erinnert in seiner Ziellosigkeit an den passiv-sanften, aber dennoch kraftvollen Entschluss eines Bartleby: „I would prefer not

to“. Der Streikaufruf offenbart den Willen zum Dialog zwischen Gleichgesinnten, will eine Gemeinschaft gleicher Interessen erzeugen. Inhärente Fragen nach Verweigerung, Machtgefüge und Protest werden in den öffentlichen Raum gestellt. Und doch ist das künstlerische Remake nicht nur qua Filmvorlage und Requisiten eine Zeitreise. Denn die Handlungsaufforderung zum Streik ist eine geborgte Geste aus einer Zeit, in der ein Streik ein probates Mittel zur Durchsetzung gemeinschaftlicher Interessen war. Indem M+M die reinszenierte Filmszene aus den 60er Jahren in die Realität der Gegenwart überführen, verschränken sie die Erinnerung an eine Zeit extensiver Streikkultur mit der Frage nach der Bereitschaft und Funktion der Verweigerung im postfordistischen Zeitalter von heute. Die interventionistische Aktion der Künstler schafft Irritation, die in ihrer absurden Logik auf Widerständigkeit als Handlungsoption von Teilhabe und Selbstbestimmung, von Gemeinschaft und gesellschaftlicher Utopie abzielt. Nicht zufällig fällt diese Intervention in das von deutschen FeuilletonistInnen geprägte „Jahr des Wutbürgers 2010“ – ein Begriff, mit dem die neu erwachte bürgerliche Protestkultur gegen Atomtransporte nach Gorleben und Bahnhofspläne in Stuttgart beschrieben wird. Was jedoch als neue Verweigerungshaltung gefeiert wird, ist nicht unbedingt die Wiederentdeckung belastbarer politischer Vergemeinschaftung, wie sie sich als Streikkultur in Zeiten industrieller Hegemonie formierte. Die Frage, die M+M mit ihrer Arbeit auch aufwerfen, ist, was an heutigen temporären und hedonistischen, teilweise sogar spektakelhaften Gemeinschaftsidentifikationen als politisches Agens überhaupt brauchbar ist; hier und heute, angesichts eines Kapitalismus, der alle Widersprüche scheinbar in seinem diskursiven Konsens vereinnahmt und in der individualisierten Sinnsuche isoliert. Die politisch-aktive Gemeinschaft hat es in Zeiten der neoliberalen Selbstverantwortung, der Subjektivierung und Globalisierung von Risiken schwer – und sollte sich dennoch nicht abschrecken lassen. Es scheint, dass dem Streik, dieser kraftvollen gemeinschaftlichen Geste des Klassenkampfes und der Verbrüderung von Schicksalen, der Boden heute (fast) entzogen ist. Was kann an seine politisch-wirksame Stelle treten, was kann Streik heute sein? M+M ließen die Streikaufruf-Aktionen per Video aufzeichnen, um sie später als Clips in dem netzbasierten Kartographiesuchdienst GoogleMaps mit den jeweiligen Firmenadressen in Essen zu verlinken. So, wie GoogleMaps bereits bei der Erarbeitung des Projektes als Hilfsmittel diente, als von den Künstlern die Unternehmensdichte in Essen „ausspioniert“ und die Route der „Einsätze“ geplant wurde, sollte der Webdienst auch bei der Web Veröffentlichung der Aktionen genutzt werden. Daraus wurde jedoch nichts: Die Kontrollmechanismen des kommerziellen Anbieters identifizieren unerwünschte Clips und löschen sie, kaum dass sie verlinkt sind. Nun sind sie auszugsweise auf der Homepage von Hacking the City zu sehen. Erweist sich das unter dem Label „Web 2.0“ als offen propagierte Internet als das im Vergleich zum öffentlichen Raum restriktivere Medium? Diese Fragen nach den Grenzen von Systemen motiviert die Künstler, Möglichkeiten des Infiltrierens auszutesten. Die subversive Taktik des Einschleusens in gesellschaftliche Systeme ist eine bevorzugte Strategie der künstlerischen Arbeit von M+M. In der Aneignung von systemimmanenter Bild- und Fachsprache und unter Zuhilfenahme von Expertenwissen planen die Künstler Eingriffe in Kommunikations- und Verhandlungsräume, in Medienvertriebsnetze oder atmosphärische Schichten, in organisch-(fremd-)körperliche Abläufe oder in das Straßennetz. So besteht beispielsweise die Arbeit Autobahnschleife (seit 1996) aus mehreren Datenvisualisierungen, professionellen Konstruktionsplänen und Kostenaufstellungen, die den Bau einer zusätzlichen 360°-Kurve als Ehrenrunde am Autobahnabschnitt Vittorio Veneto in Italien ausarbeitet. Die reale Konstruktion harrt noch ihrer Verwirklichung. Jedoch ist an der Ernsthaftigkeit der Unternehmung nicht zu zweifeln, und jede Betrachtung des von M+M publizierten Erläuterungsberichtes unterstreicht die Autorität ihres Fachwissens. M+M bedienen sich der Techniken und Spielregeln von Systemen, um sie mit ihren teils absurden Eingriffen oder inszenierten Erzählungen zu kommentieren. Dabei entstehen eher Zweifel als Gewissheiten, Anregungen statt Überzeugungen, Möglichkeiten statt Definitionen und Erfahrungen statt Setzungen. Darum geht es den beiden Künstlern, die Wolfgang Ullrich als „Agenten“ bezeichnet1. M+M liefern mit ihren Arbeiten eine Erweiterung der Denkmöglichkeiten gesellschaftlicher Realität und decken Interessen auf, die hinter perfekt organisierten Mechanismen verschanzt sind.


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